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Spielzeit 2020/21

Giuseppe Verdi: Il trovatore (gekürzte Fassung)

Giuseppe Verdi: Il trovatore (gekürzte Fassung)

Oper Leipzig
Premiere 06.12.2020 | 18:00 Uhr | via LIVESTREAM
www.oper-leipzig.de

Musikalische Leitung: Antonio Fogliani
Regie: Jakob Peters-Messer
Bühne: Markus Meyer
Kostüme: Sven Bindseil
Licht: Raoul Brosch

Roberta Mantegna (Leonora)
Marina Prudenskaja (Azucena)
Gaston Rivero (Manrico)
Dario Solari (Conte di Luna)

 

Die Logik eines Horror-Films.
Jakob Peters-Messer im Interview mit Peter Korfmacher (Leipziger Volkszeitung)

Peter Korfmacher: Seit wann wissen Sie, dass ihr „Trovatore“ erstens stattfindet und zweitens als Streaming-Premiere?
Jakob Peters-Messer: Seit letzter Woche. Am 27. November sollte ursprünglich die Premiere sein, die haben wir zur Generalprobe gemacht.

Und wird es irgendwann auch die eigentlich geplante Version geben?
Das kann man noch nicht sagen. Die Produktion ist komplett gebaut und abrufbar, bräuchte aber dann auch wieder einen gewissen Probenaufwand. …  

Also ist es eine Corona-Version?
Klar. Wir müssen Hygiene-Bestimmungen einhalten, die Abstände zwischen den Sängern, dazu sitzt das Orchester auf der Bühne, weil eine ausreichende Belüftung bei originaler Besetzung im Graben nicht zu machen ist. Und wir haben „Il Trovatore“ auf anderthalb Stunden gekürzt. Das führt zu einer gewissen Holzschnittartigkeit.

Was diesem musiktheatralischen Bilderbogen nicht schaden muss. 
Nein. Und ich muss sagen: So groß meine Bauchschmerzen zunächst waren – mittlerweile bin ich doch recht zufrieden. 

Was haben Sie rausgekürzt?
Die erste Szene mit der Erzählung der Vorgeschichte, die man hinterher ja noch einmal erzählt bekommt, und die großen Chorszenen. Dazu fehlt das Verhör. Ich finde, das geht ganz gut auf und verstärkt fast den Drive, den die Oper ohnehin hat.

Und warum hatten Sie vorher solche Bauchschmerzen?
Ich fand die Konzentration aufs Gewandhausorcheser, das die ganze Bühne besetzt, als Regisseur natürlich etwas einseitig, wenig kreativ. Immerhin konnte ich den Bühnenraum so gestalten, dass das Orchester nun in einem schwarzen, abstrakten Raum hinter der Szene sitzt und sich die Spielfläche mit dem Lichtrahmen nach vorn abgrenzt. Mit dieser Lösung kann ich leben und einige Motive aus der ursprünglich geplanten Produktion übernehmen. Und das funktioniert eigentlich besser als gedacht.

Was sind das für Motive?
Vor allem sind es die Toten, die in dieser Oper immer wieder in die Gegenwart hineinwirken. Es geht vor allem um die Folgen lange zurück liegender Morde: Eine Zigeunerin wurde verbrannt und als Rache dafür ein Kind.

Praktisch sofort nach der sagenhaft erfolgreichen Uraufführung war das Publikum gespalten. Die eine Hälfte vertrat den Standpunkt: „Trovatore“ sei eine geniale Oper, also müsse auch das Libretto genial sein. Die anderen meinten: Verdis Musik ist so gut, da stört Cammaranos schwachsinniges Textbuch nicht weiter. Auf welcher Seite stehen Sie?
Das ist meine absolute Lieblingsoper von Verdi.

Im Ernst?
Im Ernst! Ich sage ja nicht, dass es seine beste ist. Aber ich liebe sie am meisten. Und am längsten. Das war die erste italienische Oper, die ich gesehen habe, die ich mir gekauft, mit der ich mich wirklich ausführlich beschäftigt habe. Und ich muss sagen: Ich finde sie immer noch genial. Verdis Musik ohnehin, der wenige Töne genügen, um eine Stimmung zu erzeugen, eine Atmosphäre, eine Szene, einen Charakter zu zeichnen. Und auch das Libretto funktioniert. Es folgt nur einer anderen Logik.

Wie meinen Sie das?
Wenn man da vor dem Hintergrund der Aufklärung rangeht oder als Realist, dann ist es absurd. Aber mit der Logik eines Horror-Films oder der der Schauer-Romantik ist dieser Bilderbogen nicht nur wirkungsvoll, sondern auch psychologisch und dramaturgisch plausibel. Und dann wird ja auch noch gesungen.

Stimmt – „Il Trovatore“ gilt als extrem schwer zu besetzen.
Wieso? Caruso hat völlig zu recht gesagt, dass diese Oper ganz leicht zu besetzen ist. Man müsse einfach nur die vier besten Sänger der Welt verpflichten.

Eben.
Ja – und wir sind hier mit dieser Produktion sehr weit vorn: Roberta Mantegna als Leonore, Marina Prudenskaya als Azucena, Gaston Rivero als Manrico und Dario Solari als Luna lassen wirklich keine Wünsche unerfüllt. Und schauspielern können sie auch noch. 

Wie sind Sie bis jetzt durch die Corona-Zeit gekommen? 
Bis jetzt lief es gut. Der „Troubadour“ ist meine zweite Produktion in dieser Saison. Vorher habe ich in Dessau „Bataclan“ gemacht, ein anderes Format, in einer Raumbühnen-Situation, mit dem Publikum on stage. Schwierig wird es jetzt. Denn alles, was noch gekommen wäre in der laufenden Spielzeit, ist erst einmal verschoben oder abgesagt. Bis Ende Mai. Da hätte ich in Bonn Meyerbeers „Feldlager in Schlesien“ ausgraben sollen – wahrscheinlich kommt es jetzt im Jahr 2022.

Was glauben Sie, wann wird sich der Spielbetrieb in den Opernhäusern  wieder normalisiert haben?
Normalisiert? Sie meinen so etwas wie eine „Elektra“ mit voller Kapelle im Graben und vor ausverkauftem Haus?

Genau!
Das wird in dieser Spielzeit sicherlich nichts mehr. Aber im Laufe der nächsten Saison könnte es klappen, bald soll es ja mit dem Impfen losgehen ...

Peter Korfmacher: Die Logik eines Horror-Films. Leipziger Volkszeitung. 04.12.2020

 

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.)
Inszenierungen
176 Seiten
140 Farbabbildungen
Klappenbroschur
28 x 24 cm
€ [D] 34,90 € [A] 35,90 sFr 49,90
ISBN 978-3-89487-699-9

Chronologisch nach Aufführungsjahren geordnet und von einführenden Texten zu den Stücken begleitet, zeichnet das im Henschel Verlag erschienene Buch in 140 Farbaufnahmen der Theaterfotografin Bettina Stöß die künstlerische Entwicklung im Schaffen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer seit 2004 nach. In zwei vorangestellten Essays kommen Bodo Busse, der Intendant des Landestheaters Coburg, und die Autorin und Theaterwissenschaftlerin Micaela von Marcard zu Wort.

März 2011
Jörg Restorff (Kunstzeitung): «ein wunderbarer Fotoband, der 14 Inszenierungen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer Revue passieren lässt»

Mai 2011
Friedemann Kluge (Das Orchester): «Der aufwändig gestaltete Bildband stellt 14 Inszenierungen des Regisseurs Jakob Peters-Messer in begeisternden Fotografien der Theaterfotografin Bettina Stöß vor. Ihre Bilder dokumentieren die Arbeit des Regisseurs in kongenialer Weise, sind aber auch Kunstwerke sui generis. (…) Ein Opernbuch, schön, wie Oper ohne Musik nur eben sein kann!»

Juni 2011
Eberhard Kneipel (Thüringen Kulturspiegel): «Angesichts dieser faszinierenden Bilderwelt möchte man sich flugs zu einem Theaterbesuch aufmachen. Egal welches Stück gespielt wird, ob Repertoire oder Neuschöpfung, ob ausgegraben oder wiederbelebt. (…) Nicht egal, ja Bedingung wäre hingegen, dass dieser Regisseur Jakob Peters-Messer am Werke ist. Und gemeinsam mit seinem Team (…) jene kunstvollen Szenen-Kreationen geschaffen hat, die beim Zusehen die Fantasie zu tollen Sprüngen animieren, die dem Geist Nahrung geben und bei denen selbst die verstörendsten Momente ästhetischen Genuss evozieren. Tja, wir aber müssen hier bleiben, beim Buch. Doch dessen Bilder über Bilder, die Bettina Stöß aus allen Perspektiven, in eindrucksvollem Format, mit bezeichnenden Details von 14 Inszenierungen aufgenommen hat, (…) entschädigen auf ihre Weise für einen entgangenen Theaterabend, auf den sie doch so neugierig machen. (…) Die Formen und Farben, die Räume und die Requisiten, die Gestalten und die Gesten sind stets in ihrem „prägnanten Punkt“ erfasst und abgelichtet. In jenem Augenblick also, der den Zuschauer erhellt und der zum Leser spricht. Und das „Geheimnis“ dieser originellen Bühnenfantasien liegt  im Vermeiden jeglicher eindimensionaler Lesarten und Sichtweisen durch den Regisseur. Weder „Werktreue“ noch „Regietheater“ werden inthronisiert. Stilebenen aus allen Epochen beleben die Bühne und schaffen (…) reiche reizvolle Assoziationsräume. Und stets sind politische Implikationen und Situationen mitgedacht und über die Figuren „gelegt“, so dass alles Belanglose und Beliebige außen vor bleibt. Jegliche plumpe Aktualisierung und Belehrung auch. Der Zuschauer hat die Freiheit, sich selbst zu den Stücken, den Hintergründen, den Deutungen in Beziehung zu setzen. Sich sein eigenes Bild zu machen. (…) Und dem Verlag ist – nach dem Porträt-Band über Marco Arturo Marelli – mit diesem Inszenierungs-Buch über Jacob Peters-Messer erneut ein opulenter Bildband und ein großer Wurf in Richtung heutige Theaterkunst gelungen.»