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Leoš Janáček Die Sache Makropulos (Věc Makropulos)

Leoš Janáček Die Sache Makropulos  (Věc Makropulos)

 

Anhaltisches Theater Dessau
Premiere 25. Januar 2020
www.anhaltisches-theater.de

 

Musikalische Leitung: Markus L. Frank
Regie: Jakob Peters-Messer
Bühne: Markus Meyer
Kostüme: Sven Bindseil



weitere Aufführungen:

02. & 08.02.2020
01. & 27.03.2020
19.04.2020  
29. & 30.04.2020 — Schweinfurt
09.05.2020 

 

Ein Leben in der Endlosschleife?

„Wie der Leser erkennen wird, wird in meinem Buch die Langlebigkeit ganz anders dargestellt, als sehr wenig idealer Zustand und ganz und gar nicht wünschenswert.“

So schreibt Karel Čapek im Vorwort zu seinem Stück „Die Sache Makropulos“, aus dem Leoš Janáček seine vorletzte Oper destillierte. Die „Sache Makropulos“, ein historisches Dokument, das Rezept für ein Elixier der Unsterblichkeit, das einst der Alchemist Hieronymus Makropulos für Kaiser Rudolf II. in Prag aufschrieb, ist der Dreh- und Angelpunkt einer absurden Kriminalkomödie, die sich zum Ende hin zu einem Diskurs über letzte Fragen, über den Sinn und Unsinn des Lebens und des Todes entwickelt. Die Menschen haben schon immer vom ewigen Leben geträumt. Doch dieser Traum entwickelt sich bei Elina Makropulos, der Tochter des Alchemisten, an der das Rezept zum ersten Mal ausprobiert wird, zur Horrorvision. Denn dreihundert Jahre lang Leben bedeutet ewige Wiederholung. Erfolge, Enttäuschungen, Beziehungen in einer Endlosschleife. Am Ende wird alles austauschbar, leer, sinnlos, Langeweile. Der Mensch wird zum Zyniker, kalt und gefühllos. Die Seele stirbt. So der Ausgang dieses Experiments, das an Elina Makropulos, Elian MacGregor, Eugenia Montez, Emilia Marty und all den anderen durchgespielt wird. Ein- und dieselbe Person in unterschiedlichen, endlosen Identitäten. Für immer E. M.

Die Angst vor dem Tod. Das treibt Emilia Marty an. Deshalb muss sie an das Rezept kommen, die „Sache Makropulos“, die sie vor Jahren in einer sentimentalen Anwandlung einem ihre vielen Liebhaber überlassen hat. Denn nur das Rezept verschafft ihr weitere dreihundert Jahre Leben. Deshalb mischt sie sich in einen jahrzehntelangen Erbschaftsstreit ein und muss nach und nach ihre wahre Identität enthüllen. Erst als sie endlich das ersehnte Dokument in den Händen hält, erkennt sie die Sinnlosigkeit ihrer grotesken Jagd, erkennt, dass auch der Tod zum Leben gehören muss und steigt aus dem ewigen Kreislauf des Weiterlebens aus. Hier hat Leoš Janáček  die für ihn so wichtige humane Dimension in der intellektuellen Spielerei Karel Čapeks gefunden. Die „Schönheit, dreihundert Jahre alt und ewig jung, aber nur ausgebranntes Gefühl! Brrr! Kalt wie Eis!“, sie wird menschlich. „Sie tat mir leid“, schreibt Janáček. Oder an anderer Stelle: „Ich werde mich noch in sie verlieben“. Denn die kalte Schönheit ist auch eine erotische Projektion. Nicht nur für den Komponisten. Sie spiegelt sich in den Männern, die Emilia Marty umgeben. Der Skeptiker, der Naive, der Neurotiker, der Sadist, der Demente: Ein Panoptikum nerviger Männlichkeit, das Emilia Marty nicht nur durch die Handlung der Oper, sondern wahrscheinlich schon durch die Jahrhunderte ihrer Existenz begleitet.

Emilia Marty ist Sängerin und im zweiten Akt der Oper treffen sich alle Beteiligten auf der Hinterbühne eines Theaters. Dennoch spielt das Theater für die Handlung keine zentrale Rolle. Vielleicht aber als Ort, an dem Geheimnisse möglich sind, als Ort des Wunderbaren. Er wird zum zentralen Motiv unserer Bühne. Ein ruinöser Theaterraum, der Zeit und Verfall ins Bild bringt. Mit einem unbestimmten, zeitlosen Zentrum, in dem Hinweise auf das Geheimnis der unsterblichen Sängerin erscheinen, das hinter der sichtbaren Handlung immer spürbar ist. Die ganz konkrete Realität einer Bühne mit Bühnentechnikern, Maschinisten, Putzfrauen ist schon in der Anlage der Oper präsent. Sie bildet den Kontrast zur geheimnisvollen Aura der Operndiva und die Fallhöhe zu den großen Lebensthemen der Oper. Nach dem Prolog, in dem Emilia Marty in ihre eigene Vergangenheit eintaucht, wird übergangs- und umstandslos das Büro des Anwalts Dr. Kolenatý aufgebaut und eingerichtet. Danach wird die Kulisse schlicht gedreht, man sieht auf die Rückseite einer Bühnenbildkonstruktion. Möbel werden umgeräumt, Scheinwerfer eingerichtet für einen imaginären und dann tatsächlich stattfindenden zweiten Akt einer Oper. Im dritten Akt tritt das Bühnenbild dann immer mehr in den Hintergrund. Nun sind wir tatsächlich auf einer leeren Bühne. Kulissen, Posen, Masken treten zurück, je mehr Emilia ihre wahre Existenz enthüllt, zu sich selbst kommt, menschlich wird. Leoš Janáček schreibt über diesen Moment: „Ich nähere mich dem Ende der dreihundertjährigen Schönen. Sie erkaltet schon aus Entsetzen und will nicht weiterleben, als sie sieht, wie wir, die wir so eine kurze Lebensdauer haben, glücklich sind. Auf alles freuen wir uns, alles wollen wir genießen – da unser Leben so kurz ist. Dieser Teil der Oper ist ergreifend.“

Briefe an Kamila Stösslová, Janáčeks platonische Geliebte:

„Eine Schönheit, 300 Jahre alt und ewig jung, aber nur ausgebranntes Gefühl! Brrr! Kalt wie Eis! Über so eine schreibe ich eine Oper.“ 12. November 1923

„Brrr! mache ich schon, aber ich mache sie wärmer, damit die Leute mit ihr Mitleid haben. Ich werde mich noch in sie verlieben.“ 4. Dezember 1923

„Ich nähere mich schon dem Ende der dreihundertjährigen Schönen. Sie erkaltet schon aus Entsetzen – und will nicht weiterleben, als sie sieht, wie wir, die wir so eine kurze Lebensdauer haben, glücklich sind. Auf alles freuen wir uns, alles wollen wir genießen – da unser Leben so kurz ist. Dieser Teil der Oper ist ergreifend.“ 5. Februar 1925

„Wenn ich dieser Tage die dreihundertjährige Schöne beende, fürchte ich, ich werde – trauern.“ 19. Februar 1925

„Sie halten sie am Ende für eine Lügnerin, eine Betrügerin, eine hysterische Frau – und sie ist am Ende so unglücklich! Ich wollte, dass alle sie gern mögen. Ohne Liebe geht es bei mir nicht.“ 3. März 1925

„Mit der Sache Makropulos bin ich fertig. Die arme dreihundertjährige Schönheit. Die Leute hielten sie für eine Diebin, Lügnerin, ein gefühlloses Tier. Bestie, Kanaille schimpften sie sie, wollten sie würgen, und ihre Schuld? Dass sie lange leben musste. Sie tat mir leid.“ 5. Dezember 1925

 

Janáček über die Begegnung mit einer unbekannten Frau, an die er in seinem Feuilleton Smráká se („Es wird dunkel“) der Zeitung Venkov schreibt:

„... an Ihnen, Frau aus der Kounicstraße, in einem Pelzmantel so schwarz, als hätten ihn Maulwürfe selbst ausgezogen, an Ihnen maß ich Elina Makropulos. Da haben Sie sich wohl gewundert, als ich, ein Unbekannter, Sie, mir unbekannt – begrüßte! Für Elina Makropulos waren Sie nur durch ihr eisiges, schönes Antlitz geeignet.“ 29. Januar 1928

 

Erinnerung des Regisseurs Ota Zítek, Regisseur des Brünner Nationaltheaters:

„Vec Makropulos“ hielt Janáček für sein dramatischstes Werk. Emilia Marty sollte eine Schönheit mit ausgebrannten Gefühlen sein, Eis. Er verlangte wenig Bewegung, aber trotzdem musste sie inbrünstig sein auf eine solche Art und Weise, dass Menschen mit ihr Mitleid empfanden. Dreihundert Jahre hielt sie sich nur als eine unbewegliche Mumie am Leben und ihre Schuld war, dass sie lange leben musste. Es musste szenisch der Schauder einer Frau geschildert werden, die nie ein Ende haben wird. „Wäre es schließlich nicht möglich, aus ihr einen weinenden Stein zu machen, eine unbewegliche Statue, aus deren Augen Tränen laufen?“

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.)
Inszenierungen
176 Seiten
140 Farbabbildungen
Klappenbroschur
28 x 24 cm
€ [D] 34,90 € [A] 35,90 sFr 49,90
ISBN 978-3-89487-699-9

Chronologisch nach Aufführungsjahren geordnet und von einführenden Texten zu den Stücken begleitet, zeichnet das im Henschel Verlag erschienene Buch in 140 Farbaufnahmen der Theaterfotografin Bettina Stöß die künstlerische Entwicklung im Schaffen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer seit 2004 nach. In zwei vorangestellten Essays kommen Bodo Busse, der Intendant des Landestheaters Coburg, und die Autorin und Theaterwissenschaftlerin Micaela von Marcard zu Wort.

März 2011
Jörg Restorff (Kunstzeitung): «ein wunderbarer Fotoband, der 14 Inszenierungen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer Revue passieren lässt»

Mai 2011
Friedemann Kluge (Das Orchester): «Der aufwändig gestaltete Bildband stellt 14 Inszenierungen des Regisseurs Jakob Peters-Messer in begeisternden Fotografien der Theaterfotografin Bettina Stöß vor. Ihre Bilder dokumentieren die Arbeit des Regisseurs in kongenialer Weise, sind aber auch Kunstwerke sui generis. (…) Ein Opernbuch, schön, wie Oper ohne Musik nur eben sein kann!»

Juni 2011
Eberhard Kneipel (Thüringen Kulturspiegel): «Angesichts dieser faszinierenden Bilderwelt möchte man sich flugs zu einem Theaterbesuch aufmachen. Egal welches Stück gespielt wird, ob Repertoire oder Neuschöpfung, ob ausgegraben oder wiederbelebt. (…) Nicht egal, ja Bedingung wäre hingegen, dass dieser Regisseur Jakob Peters-Messer am Werke ist. Und gemeinsam mit seinem Team (…) jene kunstvollen Szenen-Kreationen geschaffen hat, die beim Zusehen die Fantasie zu tollen Sprüngen animieren, die dem Geist Nahrung geben und bei denen selbst die verstörendsten Momente ästhetischen Genuss evozieren. Tja, wir aber müssen hier bleiben, beim Buch. Doch dessen Bilder über Bilder, die Bettina Stöß aus allen Perspektiven, in eindrucksvollem Format, mit bezeichnenden Details von 14 Inszenierungen aufgenommen hat, (…) entschädigen auf ihre Weise für einen entgangenen Theaterabend, auf den sie doch so neugierig machen. (…) Die Formen und Farben, die Räume und die Requisiten, die Gestalten und die Gesten sind stets in ihrem „prägnanten Punkt“ erfasst und abgelichtet. In jenem Augenblick also, der den Zuschauer erhellt und der zum Leser spricht. Und das „Geheimnis“ dieser originellen Bühnenfantasien liegt  im Vermeiden jeglicher eindimensionaler Lesarten und Sichtweisen durch den Regisseur. Weder „Werktreue“ noch „Regietheater“ werden inthronisiert. Stilebenen aus allen Epochen beleben die Bühne und schaffen (…) reiche reizvolle Assoziationsräume. Und stets sind politische Implikationen und Situationen mitgedacht und über die Figuren „gelegt“, so dass alles Belanglose und Beliebige außen vor bleibt. Jegliche plumpe Aktualisierung und Belehrung auch. Der Zuschauer hat die Freiheit, sich selbst zu den Stücken, den Hintergründen, den Deutungen in Beziehung zu setzen. Sich sein eigenes Bild zu machen. (…) Und dem Verlag ist – nach dem Porträt-Band über Marco Arturo Marelli – mit diesem Inszenierungs-Buch über Jacob Peters-Messer erneut ein opulenter Bildband und ein großer Wurf in Richtung heutige Theaterkunst gelungen.»