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Richard Strauss & Hugo von Hofmannsthal: Der Rosenkavalier

Richard Strauss & Hugo von Hofmannsthal: Der Rosenkavalier

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken
Premiere 23. März 2019
www.staatstheater.saarland


Musikalische Leitung: Roger Epple / Stefan Neubert
Regie: Jakob Peters-Messer
Bühne: Markus Meyer
Kostüme: Sven Bindseil
Licht: André Fischer
 

weitere Aufführungen:
26.03.2019
03., 07. & 20.04.2019
03., 11.05.2019
12. & 20.06.2019

»Der Rosenkavalier« ― Eine Komödie mit Trauerrand

Die Premiere des „Rosenkavalier“ im Jahr 1911 war ein gigantischer Erfolg. Sonderzüge wurden von Berlin  zu den Aufführungen nach Dresden eingerichtet. Ein Erfolg vor allem beim Publikum. Hofmannsthal und Strauss hatten ein Gesamtkunstwerk zwischen Mozart und Wagner, Nostalgie und Zeitgeist geschaffen und die Summe der Oper des 18. und 19. Jahrhunderts gezogen. Und das auch noch als Komödie. Das Publikum strömte.

Hugo von Hofmannsthal hat nach dem Vorbild von Mozarts »Hochzeit des Figaro« ein Gesellschaftstableau mit allen seinen sozialen Schichtungen geschaffen, das die Zeit Maria Theresias mehr imaginiert als naturalistisch abbildet. Das tut er in einer Sprache, die das Wienerisch-Dialektale, den Sound des Rokokos und das zeittypische Kauderwelsch aus Deutsch, Italienisch, Französisch und Latein zu einer barocken Meta-Sprache verdichtet, artifiziell und real zugleich. Auch Richard Strauss arbeitet in diesem Sinn. Für den »Rosenkavalier« entwickelt er eine zeitgenössisch-historisierende Musiksprache, die sich weniger auf das 18. Jahrhundert als auf den Wiener Walzer bezieht und gleichzeitig die Modernität seiner eigenen »Elektra« nicht ausspart. Eine anachronistische Vorgehensweise, der es gleichfalls eher um die Imagination einer Epoche als um deren historisch korrekte Abbildung geht. Insgesamt also die poetische Konzeption einer vergangenen, verlorenen Welt. Dass die Oper dennoch auch ein Spiegel ihrer Entstehungszeit ist, machte den unmittelbaren Erfolg und ihre Relevanz damals aus. Der Blick von heute schärft möglicherweise diesen Eindruck, aber man hat im »Rosenkavalier« gerade in der Beschwörung des Nostalgisch-Vergangenen das Gefühl einer zu Ende gehenden Epoche. Die Monarchien, die Aristokratie, Habsburg, das kaiserliche Wien werden hinweggefegt im Ersten Weltkrieg. Verlust, Vergänglichkeit, Depression, Verfall: Schon die Schauplätze vom Adelspalais der Marschallin über den neureichen Schick der Faninals bis zum heruntergekommenen Vorstadt-Etablissement, dem »Beisl«, deuten das an. Ein Happy End ist hier nur als fragiler, ephemer glitzernder Traum weit weg von der Wirklichkeit denkbar.

Über dem Bett der Marschallin am Beginn der Oper schwebt eine schwarze Rokoko-Wolke. Ein Schleier des Vergänglichen, des Vergehenden breitet sich über das Geschehen. Selten ist in der Oper eine Frauenfigur mit derart komplexer Kontur geschaffen worden, wie hier durch Hofmannsthal und Strauss. Ihr Charakter vereint Ironie als Grundhaltung mit tiefer Emotion und darüber hinaus philosophischer Reflexion. Im Erkennen der »Schwäche von allem Zeitlichen«, wie sie sagt, spricht sie den zentralen Gedanken der Oper aus. Und stellt doch auch nur fest, dass sich die ersten Spuren der Zeit auch in ihrem Gesicht abzeichnen.

Die barocke Lebenslust des Ochs auf Lerchenau setzt den Gegenpol zur verwehten Melancholie der Marschallin. Aber doch als ein gealterter Don Giovanni, ein verwittertes erotisches Kraftpaket. Anarchisch, unverschämt im ganz direkten Sinn des Wortes, nimmt er sich im Hochgefühl seiner Privilegien, was er will. Ein Dirty Old Man, Sophie nennt ihn »der grobe Ding«. Aber Hofmannsthal gesteht ihm zu, dass der Weg von ganz unten nach ganz oben in die Mythologie manchmal gar nicht so weit ist, wenn man sich aufschwingt zum »Jupiter in tausend Gestalten«, der die Frauen auch noch als Wolke schwängert.

»Sei er nur nicht wie alle Männer sind«. So sagt die Marschallin zu Octavian, ihrem jugendlichen Liebhaber. Damit erkennt sie ein gewisses Potenzial, denn der junge Rofrano ist gar nicht so weit weg vom schon etwas abgeblätterten Ochs. Quasi ein junger Don Giovanni in der Erprobungsphase, auch er eine erotische Existenz. Noch dazu ambivalent in der Travestie, als Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Es ist aber auch eine Coming of Age-Geschichte. Vor allem im 3. Akt, wenn aus dem Spiel Ernst wird und Rofrano eigentlich recht verlegen und verloren zwischen den Frauen steht. Hier muss die Marschallin die Lösung herbeiführen. Und auch Sophie hat inzwischen das Ihre dazu beigetragen. Sie macht vielleicht die größte Entwicklung im Stück und bleibt keineswegs die naive Klosterschülerin, die sich »aufs Heiraten« freut. Sobald sie nämlich begreift, was ihr in Gestalt des zukünftigen Gatten bevorsteht, entwickelt sie sehr schnell einen eigenen Kopf, setzt Grenzen und geht in den Konflikt mit dem Vater. Das erkennt auch die Marschallin, denn sie hatte damals nicht den Mut, sich zu widersetzen, als sie »in den Ehstand kommandiert« wurde.

Allerdings neigt auch Sophie zur Überspanntheit wie ihr Vater, der Edle von Faninal, ein hypernervöser Charakter, der permanent kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen scheint. Gerade in dieser Figur zeigt sich neben dem Komödiantischen und der Melancholie ein Element der Oper, das gerne übersehen wird: die Tendenz zum Hysterischen. Die Szenen spitzen sich immer wieder und oft genug in kürzester Zeit zu. Man stürmt herein, es wird durcheinandergeredet, man tobt, man überschreit sich und der Sturm legt sich so schnell wie er gekommen war. Diese Aufgeregtheiten, diese explosive Überspanntheit sind die andere Seite der Endzeitstimmung. Beides ist präsent: Das Manische und das Depressive, wenn man es psychologisch fassen will. Auch hier greift der Zeitgeist. Denn Hofmannsthal und Strauss kannten ihren Freud und hatten bereits eine »Studie über Hysterie« geschaffen – »Elektra«. Ganz unberührt davon ist auch ihre »Komödie für Musik« nicht.

Jakob Peters-Messer

Foto: Martin Kaufhold 

Vorschau Spielzeit 2018/2019:

Antonín Dvorák: Katja und der Teufel

Anhaltisches Theater Dessau
Premiere 25. Mai 2019
www.anhaltisches-theater.de

Giuseppe Verdi: Don Carlo

Wiederaufnahme
Oper Leipzig
www.oper-leipzig.de

10. März 2019
10. Mai 2019

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Wiederaufnahme
Theater Bonn
www.theater-bonn.de

14. & 20. Juni 2019
04. Juli 2019

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.)
Inszenierungen
176 Seiten
140 Farbabbildungen
Klappenbroschur
28 x 24 cm
€ [D] 34,90 € [A] 35,90 sFr 49,90
ISBN 978-3-89487-699-9

Chronologisch nach Aufführungsjahren geordnet und von einführenden Texten zu den Stücken begleitet, zeichnet das im Henschel Verlag erschienene Buch in 140 Farbaufnahmen der Theaterfotografin Bettina Stöß die künstlerische Entwicklung im Schaffen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer seit 2004 nach. In zwei vorangestellten Essays kommen Bodo Busse, der Intendant des Landestheaters Coburg, und die Autorin und Theaterwissenschaftlerin Micaela von Marcard zu Wort.

März 2011
Jörg Restorff (Kunstzeitung): «ein wunderbarer Fotoband, der 14 Inszenierungen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer Revue passieren lässt»

Mai 2011
Friedemann Kluge (Das Orchester): «Der aufwändig gestaltete Bildband stellt 14 Inszenierungen des Regisseurs Jakob Peters-Messer in begeisternden Fotografien der Theaterfotografin Bettina Stöß vor. Ihre Bilder dokumentieren die Arbeit des Regisseurs in kongenialer Weise, sind aber auch Kunstwerke sui generis. (…) Ein Opernbuch, schön, wie Oper ohne Musik nur eben sein kann!»

Juni 2011
Eberhard Kneipel (Thüringen Kulturspiegel): «Angesichts dieser faszinierenden Bilderwelt möchte man sich flugs zu einem Theaterbesuch aufmachen. Egal welches Stück gespielt wird, ob Repertoire oder Neuschöpfung, ob ausgegraben oder wiederbelebt. (…) Nicht egal, ja Bedingung wäre hingegen, dass dieser Regisseur Jakob Peters-Messer am Werke ist. Und gemeinsam mit seinem Team (…) jene kunstvollen Szenen-Kreationen geschaffen hat, die beim Zusehen die Fantasie zu tollen Sprüngen animieren, die dem Geist Nahrung geben und bei denen selbst die verstörendsten Momente ästhetischen Genuss evozieren. Tja, wir aber müssen hier bleiben, beim Buch. Doch dessen Bilder über Bilder, die Bettina Stöß aus allen Perspektiven, in eindrucksvollem Format, mit bezeichnenden Details von 14 Inszenierungen aufgenommen hat, (…) entschädigen auf ihre Weise für einen entgangenen Theaterabend, auf den sie doch so neugierig machen. (…) Die Formen und Farben, die Räume und die Requisiten, die Gestalten und die Gesten sind stets in ihrem „prägnanten Punkt“ erfasst und abgelichtet. In jenem Augenblick also, der den Zuschauer erhellt und der zum Leser spricht. Und das „Geheimnis“ dieser originellen Bühnenfantasien liegt  im Vermeiden jeglicher eindimensionaler Lesarten und Sichtweisen durch den Regisseur. Weder „Werktreue“ noch „Regietheater“ werden inthronisiert. Stilebenen aus allen Epochen beleben die Bühne und schaffen (…) reiche reizvolle Assoziationsräume. Und stets sind politische Implikationen und Situationen mitgedacht und über die Figuren „gelegt“, so dass alles Belanglose und Beliebige außen vor bleibt. Jegliche plumpe Aktualisierung und Belehrung auch. Der Zuschauer hat die Freiheit, sich selbst zu den Stücken, den Hintergründen, den Deutungen in Beziehung zu setzen. Sich sein eigenes Bild zu machen. (…) Und dem Verlag ist – nach dem Porträt-Band über Marco Arturo Marelli – mit diesem Inszenierungs-Buch über Jacob Peters-Messer erneut ein opulenter Bildband und ein großer Wurf in Richtung heutige Theaterkunst gelungen.»