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Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt

Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt

Nederlandse Reisopera
Premiere 08. Dezember 2018, Enschede

https://reisopera.nl/producties/die-tote-stadt/

Musikalische Leitung: Antony Hermus
Regie: Jakob Peters-Messer
Bühne & Licht: Guido Petzold
Kostüme: Sven Bindseil

Foto: Marco Borggreve

weitere Aufführungen:
16.01.2019 Apeldoorn
19.01.2019 Zwolle
22.01.2019 Utrecht
26.01.2019 Breda
30.01.2019 Amsterdam
02.02.2019 Maastricht
05.02.2019 Den Haag
09.02.2019 Leeuwarden

 

„Schmerzlicher Zwiespalt des Gefühls …“ – 
Traum oder Trauma in Korngolds „Die Tote Stadt“

Das Thema trifft uns im Innersten. Der Verlust eines geliebten Menschen wird  vom traumatischen Erlebnis zur Obsession. Trauer, die übermächtig ist, aus der es keinen Ausweg gibt. Die sich zur Psychose entwickelt und den Witwer Paul zum Mörder werden lässt. Zum Mörder an der Tänzerin Marietta, der Doppelgängerin seiner toten Frau Marie, die natürlich Marie nicht sein kann und nicht sein will.

Im Roman „Bruges la morte“ von George Rodenbach sitzt am Ende der Witwer an der Leiche der Tänzerin und spricht vor sich hin „tot … tot … tote Stadt“. Worte im Gleichklang mit den Glocken Brügges. Die Gesänge der Prozession, die vorübergezogen ist, korrespondieren mit dem Sterben der Tänzerin. Ein genialer Schluss, ein schwarzer Schluss, der keinen Ausweg aus dem Trauma weist. Der Schluss von Rodenbachs Roman, der dem depressiven Charakter des Autors entspricht, hätte sicher auch ein gutes Opernfinale abgegeben. Doch Vater und Sohn Korngold suchten einen Ausweg aus der „toten Stadt“, eine Wendung ins Helle. Sie wollten Paul eine zweite Chance geben und erfanden das Trauma als Traum. Denn ein Teil der Handlung findet nun in Pauls Kopf statt. Im Traum realisiert sich sein unterdrücktes Begehren.  Im Traum erfährt er, wohin seine neurotische Trauer führt. Im Traum tötet er Marietta. Und wie nach einer Schocktherapie ist Paul nun im Wachzustand bereit, sein Trauma zu verarbeiten. Ein schmerzlicher Ablösungsprozess beginnt, der ihm einen Weg hinaus in ein neues Leben weisen soll.

Immerhin kann man Korngold – und wahrscheinlich mehr noch seinem Vater, dem Librettisten der Oper – nicht unterstellen, dass er sich mit der Traumlehre Freuds nicht ernsthaft beschäftigt hätte. Denn er hat dessen Theorien, wie der Musikwissenschaftler Arne Stollberg einleuchtend nachweist, in die Strukturen seiner Oper eingebracht. Mit dem Hineingleiten in die Traumebene gestaltet Korngold sowohl szenisch als auch musikalisch eine fortschreitende Verfremdung der Wirklichkeit. Elemente dessen, was wir im 1. Akt gesehen haben, kehren in veränderter, verzerrter, aber auch in verdichteter oder erweiterter Form im 2. und 3. Akt in der Traumsequenz wieder. Und damit wird Freuds Traumtheorie – erlebte Wirklichkeit verwandelt sich im Traum und verdrängte Gefühle sprechen sich aus – in Musik und in Bilder gebracht.

Zwei Punkte irritieren allerdings und lassen sich letztlich nicht auflösen. Erstens: Ist es möglich, dass ein im Traum erlebter, im Traum begangener Mord, dass also Gewalt zum Ausgangspunkt eines Heilungsprozesses werden kann? Schwer vorstellbar und durch die Traumtheorie Freuds auch nirgends gedeckt. Und zweitens: Die Emanzipation Mariettas, die gegen die Instrumentalisierung durch Paul immer stärker aufbegehrt, ist in der Novelle und mithin auch in der Oper wichtig für die Zuspitzung des Plots und trägt entscheidend zur Katastrophe bei. Diese Entwicklung von Mariettas Persönlichkeit wird als Traum Pauls entwertet und erscheint auch psychologisch unbegründet. Dem Versuch Korngolds, in der depressiven Ausweglosigkeit von Rodenbachs Novelle ein Licht am Ende des Tunnels zu finden, haftet etwas Konstruiertes an, etwas Gezwungenes. Zwar spricht Korngold, bei allem Schielen auf den Erfolg, den ein positives Finale auch in Aussicht stellen mochte, Dinge an, die tief berühren: Verlustängste, Verdrängung der Wirklichkeit, die Verweigerung von Trauerarbeit und schließlich die Verwandlung von Trauer in Gedenken. Dennoch erhebt sich die Frage: Muss man den Traum am Schluss auflösen? Und kann Paul dadurch einen Weg aus seinem Trauma heraus finden? Oder sind diese Traumbilder nichts anderes als die verzerrte Wahrnehmung eines Psychopathen, der sich immer mehr in die Schraube seines Wahns  hineindreht und aus diesem  psychischen Gefängnis keinen Ausweg findet? Oder nur einen Ausweg im Wahn, also einen eingebildeten Ausweg? Nicht umsonst sagt Paul am Ende auf die Frage Franks „Willst du mit mir? Fort aus der Stadt des Todes?“:  „Ich wills …“– und nach einer kurzen Pause: „Ich wills – versuchen …“ Und bleibt am Ende vielleicht doch allein zurück mit sich und seinem Trauma.

Vorschau Spielzeit 2018/2019:

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Saarländisches Staatstheater
Premiere 23. März 2018
www.staatstheater.saarland

Antonín Dvorák: Katja und der Teufel

Anhaltisches Theater Dessau
Premiere 25. Mai 2019
www.anhaltisches-theater.de

Giuseppe Verdi: Don Carlo

Wiederaufnahme
Oper Leipzig
www.oper-leipzig.de

19. Januar 2019
10. März 2019
10. Mai 2019

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Wiederaufnahme
Theater Bonn
www.theater-bonn.de

14. & 20. Juni 2019
04. Juli 2019

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.): Inszenierungen

Jakob Peters-Messer / Bettina Stöß (Hg.)
Inszenierungen
176 Seiten
140 Farbabbildungen
Klappenbroschur
28 x 24 cm
€ [D] 34,90 € [A] 35,90 sFr 49,90
ISBN 978-3-89487-699-9

Chronologisch nach Aufführungsjahren geordnet und von einführenden Texten zu den Stücken begleitet, zeichnet das im Henschel Verlag erschienene Buch in 140 Farbaufnahmen der Theaterfotografin Bettina Stöß die künstlerische Entwicklung im Schaffen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer seit 2004 nach. In zwei vorangestellten Essays kommen Bodo Busse, der Intendant des Landestheaters Coburg, und die Autorin und Theaterwissenschaftlerin Micaela von Marcard zu Wort.

März 2011
Jörg Restorff (Kunstzeitung): «ein wunderbarer Fotoband, der 14 Inszenierungen des Opernregisseurs Jakob Peters-Messer Revue passieren lässt»

Mai 2011
Friedemann Kluge (Das Orchester): «Der aufwändig gestaltete Bildband stellt 14 Inszenierungen des Regisseurs Jakob Peters-Messer in begeisternden Fotografien der Theaterfotografin Bettina Stöß vor. Ihre Bilder dokumentieren die Arbeit des Regisseurs in kongenialer Weise, sind aber auch Kunstwerke sui generis. (…) Ein Opernbuch, schön, wie Oper ohne Musik nur eben sein kann!»

Juni 2011
Eberhard Kneipel (Thüringen Kulturspiegel): «Angesichts dieser faszinierenden Bilderwelt möchte man sich flugs zu einem Theaterbesuch aufmachen. Egal welches Stück gespielt wird, ob Repertoire oder Neuschöpfung, ob ausgegraben oder wiederbelebt. (…) Nicht egal, ja Bedingung wäre hingegen, dass dieser Regisseur Jakob Peters-Messer am Werke ist. Und gemeinsam mit seinem Team (…) jene kunstvollen Szenen-Kreationen geschaffen hat, die beim Zusehen die Fantasie zu tollen Sprüngen animieren, die dem Geist Nahrung geben und bei denen selbst die verstörendsten Momente ästhetischen Genuss evozieren. Tja, wir aber müssen hier bleiben, beim Buch. Doch dessen Bilder über Bilder, die Bettina Stöß aus allen Perspektiven, in eindrucksvollem Format, mit bezeichnenden Details von 14 Inszenierungen aufgenommen hat, (…) entschädigen auf ihre Weise für einen entgangenen Theaterabend, auf den sie doch so neugierig machen. (…) Die Formen und Farben, die Räume und die Requisiten, die Gestalten und die Gesten sind stets in ihrem „prägnanten Punkt“ erfasst und abgelichtet. In jenem Augenblick also, der den Zuschauer erhellt und der zum Leser spricht. Und das „Geheimnis“ dieser originellen Bühnenfantasien liegt  im Vermeiden jeglicher eindimensionaler Lesarten und Sichtweisen durch den Regisseur. Weder „Werktreue“ noch „Regietheater“ werden inthronisiert. Stilebenen aus allen Epochen beleben die Bühne und schaffen (…) reiche reizvolle Assoziationsräume. Und stets sind politische Implikationen und Situationen mitgedacht und über die Figuren „gelegt“, so dass alles Belanglose und Beliebige außen vor bleibt. Jegliche plumpe Aktualisierung und Belehrung auch. Der Zuschauer hat die Freiheit, sich selbst zu den Stücken, den Hintergründen, den Deutungen in Beziehung zu setzen. Sich sein eigenes Bild zu machen. (…) Und dem Verlag ist – nach dem Porträt-Band über Marco Arturo Marelli – mit diesem Inszenierungs-Buch über Jacob Peters-Messer erneut ein opulenter Bildband und ein großer Wurf in Richtung heutige Theaterkunst gelungen.»